Leitbild

 

1. Unser Bild vom Kind: Lasst uns Mucklas’ sein!

Wenn man sich eines der wunderbaren Bücher des schwedischen Autors Sven Nordqvist über Petterson und Findus ansieht, so fällt einem spätestens beim zweiten Blick auf, dass es auf fast jedem Bild von kleinen Wesen nur so wimmelt. Das sind die Mucklas. Sie zu beschreiben ist gar nicht so einfach, denn es gibt sie in mannigfaltiger Ausführung und kaum eines gleicht dem Anderen. Für einen Außenstehenden scheinen sie zumeist nur Schabernack zu treiben. So sabotieren sie des Öfteren Pettersons Pläne und lachen über seine Missgeschicke. Sie imitieren oder parodieren die beiden Protagonisten. Manchmal sind sie aber auch sehr hilfsbereit und versuchen Findus zu unterstützen. Manche liegen im Gras und träumen, andere musizieren und tanzen, der Nächste baut ein Mucklas-Katapult. Doch egal was sie tun, sie verhalten sich „Mucklashaft“ und interagieren mit ihrer Umwelt und ihre Umwelt mit Ihnen. Sie tun das aus eigenem Antrieb heraus, selbständig, neugierig und eigenaktiv. Dafür nutzen sie die tolle und aufregende Umgebung von Pettersons Hof, der ihnen dafür den perfekten Rahmen bietet.

Wenn wir Kinder anschauen, so sehen wir eigenständige und kompetente Persönlichkeiten. Es ist kein „halbfertiger“ Mensch, den es zu entwickeln gilt. Das Kind ist gleichwertig und gleichwürdig. Es entwickelt sich anhand seiner Fähigkeiten und Neigungen. Und natürlich durch unser Vorleben, aber es tut dies selbstständig.

Kinder sind mehr Forscher als Schüler. Sie müssen experimentieren und daraus ihre eigenen Schlüsse ziehen.“ (Jesper Juul)

Unsere Kinder sollen wie die Mucklas sein dürfen: selbständig, neugierig und eigenaktiv. Unsere Aufgabe als Pädagoge muss es sein, ihnen eine Umgebung zu schaffen, die ihnen (zumindest annähernd) so gute Möglichkeiten bietet, wie die ländliche Umgebung in Nordqvists Büchern.

2. Pädagogisches Leitbild

Wenn wir Bildung sagen, so meinen wir:

Die Entfaltung der Persönlichkeit. Kinder brauchen Zeit, die Welt zu erforschen, ihre Interessen und Kompetenzen zu erkunden, sich zu wundern, zu staunen, zu begeistern, sich zu ärgern und eigene Antworten auf eigene Fragen zu entwickeln. Kinder dürfen nicht in Schablonen gepresst werden. Sie brauchen jede kostbare Sekunde um Kind zu sein.

Bildung braucht Beziehung. Kinder haben das Recht auf eine stabile und vertrauensvolle Bindung zu erwachsenen Bezugspersonen, sowie zu anderen Kindern und sie haben das Recht sich ihre Freunde selbst auszusuchen. Gemeinsam werden Regeln und Rahmen geschaffen, die dem Kind Sicherheit bieten und ihm helfen sich zurecht zu finden.

Bildung braucht Wertschätzung. Unabhängig von Geschlecht, Neigung, Herkunft, Sprache und Charakter haben Kinder das Recht darauf, als sie selbst akzeptiert und gemocht zu werden. Nur ein Kind, dass sich so gemocht fühlt wie es ist, Alphaltier oder Einzelgänger, ängstlich oder draufgängerisch, unordentlich, verträumt und kreativ, alles oder nichts, lernt sich selbst zu lieben und authentisch mit seiner Umwelt zu interagieren.

Bildung braucht Partizipation. Das Kind muss sich als Teil unserer sozialen Gemeinschaft fühlen. Dafür muss es in der Lage sein, den Alltag aktiv mitzugestalten und eigene Entscheidungen zu treffen, die Einfluss auf das soziale Miteinander haben.

Bildung braucht Selbstbestimmung. Kinder haben das Recht eigene Interessen zu verfolgen und ihre Bedürfnisse zu äußern und diese zu befriedigen. Kinder dürfen und sollen „Nein“ sagen. Ein Kind, das nicht müde ist, muss nicht schlafen. Ein Kind, das das Essen nicht mag, braucht es auch nicht zu essen. Kinder brauchen Rückzugsräume und dürfen sich nicht ständig von anderen (vor allem von Erwachsenen) beobachtet fühlen. Sie haben das Recht auf eigene Geheimnisse und müssen niemandem für alles Rede und Antwort stehen.

Bildung braucht (Selbst-)Erfahrung. Kinder haben das Recht selbst Erfahrungen zu machen, Fehler zu begehen und auch eigene Risiken einzugehen. Nur dann lernt das Kind mit Herausforderungen umzugehen und Gefahren selbst einzuschätzen.

3. Pädagogische Herausforderungen:

Wenn heute von Bildung gesprochen wird, so denken viele an die klassische Vermittlung bestimmter (schulischer) Kompetenzen. Kinder sollen konkrete Fähigkeiten erlernen, möglichst durch Anleitung von Außen gefördert. So sollen am besten noch vor der Schule „verschulte“ Angebote stattfinden. Bildung wird als Produkt verstanden. Wenn der Schneemann schwarz gemalt wird, ist er kein richtiger Schneemann und somit hat das Kind etwas falsch gemacht und muss korrigiert werden. Allein das Produkt wird bewertet, der Weg ignoriert. Es gilt bestimmte Ziele zu erreichen, damit das Kind möglichst früh „schulfähig“ wird. Es sollen möglichst alle Bildungsbereiche „abgearbeitet“ werden. Dabei werden die Erkenntnisse der modernen Entwicklungspsychologie, sowie der Neurowissenschaft außer Acht gelassen oder bewusst ignoriert. Nach diesen Forschungsergebnissen „benötigen Kleinkinder viel Freiraum zur Erkundung der natürlichen und kulturell geprägten Umwelt, zum selbstständigen Beobachten und Erforschen – im Spiel.“ (Martin R. Textor)

Es gilt sich von der Produktorientierung zu entfernen, hin zu einer Prozessorientierung. Für viele Eltern, aber auch für viele Pädagogen scheint das schwer zu ertragen. Sie befürchten, dass die Kinder „nur“ spielen, also nicht angemessen gefördert werden, während sie durch die Pädagogen sich selbst überlassen werden. Diese Befürchtung beruht auf zwei Fehlannahmen:

  1. Spiel und „Quatsch“ sind nicht (ausreichend) fördernd.

  2. Erzieher überlassen Kinder während des Freispiels sich selbst

In Wahrheit wird aber bei Kindern vor allem über das Spiel und die damit verbundenen Emotionen gelernt. Das Kind sucht sich selbst anhand seiner Interessen und Fähigkeiten aus, oft in Verbindung mit seinen Peers, womit es sich beschäftigen möchte. So entsteht mit positiven Emotionen verbundenes Wissen, welches mit unterschiedlichen Fähigkeitsbereichen verknüpft ist. Und nur solches Wissen ist später auch effektiv abrufbar.

Und natürlich begleitet eine fähige PädagogIn die Kinder auch während des Freispiels. So muss sie

  • eine anregende Umgebung gestalten mit dem richtigen Maß an Impulsen und dem entsprechenden Spielmaterial.

  • eine entspannte und ruhige Atmosphäre gewährleisten

  • mit den Kindern gemeinsame Regeln erarbeiten und helfen, dass diese befolgt werden

  • dafür sorgen, dass sie von außen nicht unterbrochen werden und so ein Flowerlebnis möglich wird

  • Impulse setzen

  • beobachten, dokumentieren und reflektieren

  • loben und ermutigen

  • Ideen aufgreifen und helfen sie umzusetzen (Situationsansatz)

Des Weiteren sehen wir es als unsere großen Herausforderungen:

Jedes Kind mit seinen individuellen Besonderheiten wahrzunehmen. Das bedeutet seinen Willen zu respektieren, jederzeit seine Rechte zu wahren und sich selbst die Grenzen des eigenen Verhaltens aufzuzeigen

Jedes Kind darin zu unterstützen seine persönlichen Interessen zu verfolgen und eigene Antworten auf eigene Fragen zu finden

Jedes Kind an der sozialen Gemeinschaft teilhaben zu lassen, so dass die Rechte aller Kinder von allen Kindern respektiert und gewahrt bleiben.

Jedem Kind eine liebevolle und stabile Beziehung zu einer erwachsenen Bezugsperson ermöglichen.

Stets authentisch zu sein.

Die Familien der Kinder aktiv in den Alltag mit einzubeziehen.

Die Qualität unserer Arbeit in der Kindertagesstätte zu sichern, weiterzuentwickeln und unsere eigenen pädagogischen Handlungen zu reflektieren und uns stetig fortzubilden.

Ziel unserer pädagogischen Arbeit muss es sein, unsere Kinder dabei zu unterstützen selbstbewusste, unabhängige, vorurteilsfreie und verantwortungsvolle Mitglieder einer demokratischen Gesellschaft zu werden.